Bergschule mit Simon Heinrich

In dieser Wintersaison (2017/2018) gab es in der Freien Schule Lindau ein ganz besonderes Angebot, das es so wahrscheinlich bisher an so gut wie keiner anderen Schule gibt. Deshalb würden vor allem die Schüler, die bei diesem Angebot dabei waren gerne darüber berichten und einen Teil dessen, was sie gelernt haben in diesem detaillierten Bericht weitergeben. Aber erst einmal zu dem Angebot selbst. Dabei handelte es sich um einen Workshop, bei dem es darum ging zu lernen, wie man sich beim Freeriden, also dem Ski- oder Snowboardfahren in nicht präpariertem Gelände (nicht auf Pisten) verhält. Dabei ging es vor allem um die Sicherheit vor Lawinen und wie man lernt das Risiko einzuschätzen. Ins Leben gerufen wurde das Angebot vom internen Lehrer Hannes Lichtner und seinem Freund Simon Heidrich, der beim DAV (Deutscher Alpenverein) als Bergführer aktiv ist und dort ebenfalls in der Abteilung für Lawinensicherheit tätig ist. Deshalb war er als erfahrener Experte in Theorie und Praxis und als Betreuer dabei.

Das Angebot fand an sechs Dienstagen im Winter 2018 statt, zwei davon im Februar und vier März. Die Tage waren alle, bis auf den letzten, in zwei Abschnitte unterteilt, nämlich Theorie und Praxis. Die Theorie fand immer in den ersten 1  -  2 Stunden statt. Danach wurden immer alle Sachen in einen kleinen, gemieteten Bus gepackt und es ging ab ins Skigebiet. Dort wurde je nach Wetterlage so viel wie möglich abseits der Piste gefahren und natürlich auch versucht gleich das gelernte anzuwenden. Die genauen Einzelheiten können Sie in den folgenden Tagesberichten erfahren.

 Tag 1

Es war ein Dienstagmorgen. Einige kamen mit ihrer üblich griesgrämigen Miene durch die Tür ins Foyer des Schulhauses. Für sie war es einer dieser miesen Tage, an denen man einfach keinen Bock auf Garnichts hat. Doch nicht bei uns. Knolle, Füchsle, Jana, Hänner, Hatti und ich waren in einer der Situation anderer völlig unangemessen feierlichen, ja sogar schlimm verschärften Stimmung, wie sich später herausstellen würde. Es war nämlich der erste Tag der legendären Bergschule, angeführt von Simon, der wenn auch noch knapp unter Dreißig bisher schon mit verschiedensten Powder- und Backcountry-Shreds der gesamten Freeride-Szene dieser Welt, unter anderem auch seinem Sponsor Salomon die Augen zu ganz neuen Ebenen öffnete. Auf jeden Fall war es für uns alle ein schönes Wiedersehen seit der beiden Klassenfahrten in den letzten Jahren. Nachdem Simon uns allen ein High-Five gegeben hatte, ging es auch schon mit dem Motivationsvideo in dem man Simon zerstören sieht (fraglich ist bis heute ob er es wirklich wie vorgegeben nur zu unserer Motivation zeigte oder einfach nur weil er ein bisschen angeben wollte) los. Danach gingen wir in Stationenarbeit die verschiedenen Schneelagen, die Auslöser für Lawinen sein können durch. Dabei waren das Triebschneeproblem, der Altschnee, der Neuschnee, Nasschnee und was es mit dem Gleitschnee auf sich hat. Dazu gab es mehrere Experimente, zum Beispiel aufeinander gelegte Bretter, alle mit verschiedenen Belägen die man in verschiedener Steilheit auf Rutsch Festigkeit testen konnte, um den Gleitschnee zu simulieren. Dazu kam noch das Kennenlernen der Snowcard, mit der man die Steilheit eines Hanges testen und dann in Kombination mit der herrschenden Lawinenwarnstufe das ungefähre Risiko ablesen kann. Dazu kamen dann noch das Grundwissen über die Lawinenwarnstufen (von 1 bis 5) und über den Unterschied zwischen Schneebrettern und Lockerschneelawinen. Dazu gab es dann auch wieder ein kurzes Motivationsvideo, diesmal aber um uns zu motivieren so gut wie möglich für unsere Sicherheit durch diese ganzen Kenntnisse zu sorgen. Der ganze Tag lief unter dem Motto „Check Your Risk“, ein sobald man ihn verstanden und verinnerlicht hatte sehr aufschlussreicher und schlimmer Slogan. Dabei ging es nämlich hauptsächlich um (vielleicht erst mal eine Übersetzung für die Englischanfänger: „Checke dein Risiko“) Gefahrenverringerung durch die eigenen anzuwendenden Kenntnisse und Fähigkeiten beim Freeriden, womit nicht nur Sachwissen gemeint ist sondern auch Dinge wie Eigenverantwortung und Bauchgefühl, die eine mindestens genauso große Rolle bei diesem Thema spielen. Als die etwa einstündige Theorie beendet war, brannten alle darauf endlich shredden zu gehen. Im Foyer wurde die Skiausrüstung größtenteils angezogen, der Rest wurde in den Bus geladen. Die Fahrt ging fröhlich vor sich hin, bis wir gerade an der Einfahrt zu Dornbirn einen Anruf vom wutendbrannten Hannes bekamen, der im Schulhaus ein paar Skischuhe gefunden hatte. Wie sich direkt herausstellte hatte Jana die Vögelin nicht sorgfältig gepackt und es ging zurück nach Lindau. Zwei Stunden Fahrt die wir uns hätten sparen können. Das war nicht so lecker. Als wir dann aber doch endlich unser Ziel die Mellaubahn erreicht hatten, konnten wir nicht mit der Gondel auf den Berg, weil der Wind zu stark geblasen hatte. Also fuhren wir einmal um den halben Berg herum und versuchten unser Glück auf der damülser Seite am Uga. Alle waren schon am Drehkreuz vorbei und wollten in den Lift steigen außer Knolle der Vogel, der natürlich noch eine Karte kaufen musste. Als er und Simon gerade auch einsteigen wollten machte der Lift Mann ihnen den Einstieg vor der Nase zu und Alle mussten unter wilden, halblauten Beleidigungen in Richtung vom Lift Mann den Einstiegsbereich verlassen. Ok bei Hatti und Füchsle waren die Sprüche eigentlich schon deutlich vernehmbar. Alle auf aggressivster Stufe stiegen wir in den Bus um zum Sunneg, dem trotz Wind einzigen geöffneten Lift zu fahren. Als wir dann endlich oben auf dem Berg standen machten wir erst mal alle den doppelten LVS-Check. Knolle stellte sich in die Mitte des Kreises, den wir um ihn bildeten und stellte sein Gerät auf „Suchen“, wobei alle anderen ihr Suchgerät auf „Senden“ stellten. Dann ging er im Kreis herum, an jeden einzelnen ganz nah hin und testete ob die Geräte sich gegenseitig orteten. Danach stellte er sein Gerät auf Sendung und wir auf Suche. Jedes Gerät funktionierte und so konnten wir endlich loslegen. Wir hatten ca. 10 Zentimeter Neuschnee, was nicht gerade berauschend war, wenn dann auch noch Windböen von bis zu 100 km/h dazukamen, aber es bockte sich trotzdem ziemlich. Nach fünf Fahrten, in denen unter anderem ein paar hässliche 360-er und leckere Minidrops, sowie kein einziger Faceshot vorkamen, zeigte Simon uns schon mal die Einführung zur Grob- und Feinsuche, wobei wir einen vergrabenen Rucksack mit Piepser darin zur Hilfe nahmen. Als ein paar Leute es selber einmal ausprobiert hatten den Rucksack zu orten und zu bergen, stand auch schon drei Meter weiter unten im Hang ein 20cm Backcountrykicker, von Hänner und mir geklopft. Unter lautem Gelächter flitzten alle darüber und Knolle löste SOGAR eine Minilawine aus. Scheiße war das traurig wie der Typ sich darüber gefreut hat. Auf jeden Fall das Highlight seines ganzen Winters. Unten am Lift angekommen konnten wir noch einmal hoch, dann war der Skitag auch schon zu ende. Als wir wieder an unserem Bus waren hatten Alle krass Hunger, durften aber auf Grund der strickten Essverbotsregel von Simon nichts Essen. Das hat leicht reingekackt. Trotzdem überlebten wir die Heimfahrt und kamen einigermaßen wohl auf an der Schule an, wo uns die Eltern abholten. Und davor gabs natürlich noch ein High-Five von Simon, wobei von überall Verschärft-Rufe ertönten.

 Tag 2

Nach der ersten Stunde Schule trafen wir uns am zweiten Tag alle um 09:00 Uhr in einem der Räume der Stufe Vertiefen, um mit dem Theorieteil dieses Tages zu beginnen. An diesem Tag ging es um zwei verschiedene, v.a. für die Planung, ziemlich wichtige Themen. Das erste war der Lawinenlagebericht, kurz LLB. Der Lawinenlagebericht ist eine schriftliche Einschätzung der momentanen Lawinengefahr am Berg, in unserem Fall von der Lawinenwarnzentrale Vorarlberg (unsere Gruppe war nur in Vorarlberg Freeriden). Dieser wird jeden Morgen um 07:00 Uhr im Internet hochgeladen. In diesem Bericht wird erst einmal auf einer Landeskarte (Vorarlberg) gezeigt wo auf welcher Höhe welche Lawinengefahrenstufe gilt. Es gibt fünf verschiedene Lawinengefahrenstufen, die einfach das Risiko am Berg zeigen und aus den gesammelten Informationen hervorgehen. Die Stufen sind:

  • 1 = geringe Lawinengefahr
  • 2 = mäßige Lawinengefahr
  • 3 = erhebliche Lawinengefahr
  • 4 = große Lawinengefahr
  • 5 = sehr große Lawinengefahr

Sonst wird im oberen Teil noch piktographisch gezeigt, was für Gefahren (Triebschnee, Gleitschnee, Nassschnee, Altschnee, Neuschnee) im Moment akut sind, welche Hangexpositionen zu meiden sind und wie die Tendenz für die nächsten Tage ist (ansteigende Lawinengefahr, gleichbleibende Lawinengefahr, sinkende Lawinengefahr).

Danach kommt ein Abschnitt zur Beurteilung der Lawinengefahr, in dem alles noch einmal genauer beschrieben wird, also wo man am besten nicht fährt, wo die Chance auf Lawinen groß ist und auf was für Anzeichen man achten sollte. In dem nächsten Abschnitt geht es dann noch einmal genauer um die Schneedecke und wo es zu welcher Entwicklung bei dieser kam oder noch kommen kann. Zum Schluss kommen nur noch zwei kleine Abschnitte zu einem aktuellen Wetterbericht und einer Tendenz für die nächsten Tage.

Diese Informationen haben wir alle zusammen anhand des damals aktuellen Lawinenlageberichtes erarbeitet und besprochen, wie man diesen liest und deutet.

Der zweite Theorieteil dieses Tages war das Lawinenmantra. Das ist ein Weg von Entscheidungen durch die man sich bei jeder Abfahrt abseits der Piste systematisch durcharbeiten sollte. Dazu gibt es auch ein Bild dieser verschiedenen Entscheidungsphasen, dass vom DAV gestaltet wurde.

Beim ersten und dem zweiten Bild geht es darum zu checken, wie überhaupt die Bedingungen sind und was ich daraus, an dem Hang an dem ich fahren will, für Konsequenzen ziehen sollte. Dazu muss man immer erst einmal den Lawinenlagebericht lesen, um danach zu schauen, ob der Hang den ich fahren möchte in einer sicheren Exposition ist, wie steil er ist und was sonst noch alles passieren könnte. Dieser Teil findet zum größten Teil zu Hause statt.

Beim dritten Bild geht es darum einfach noch einmal für sich herauszufinden, ob man sich die Abfahrt wirklich zutraut und wie das Bauchgefühl dabei. Dieses Szenario findet normal vor Ort statt ebenso wie das vierte Bild, bei dem man einfach noch einmal seine Planung mit den Bedingungen vor Ort abgleichen soll und schauen, ob man wirklich die geplante Abfahrt machen kann und welche Stellen man lieber meiden sollte.

Das fünfte Bild steht dafür, was man für Vorsichtsmaßnahmen treffen kann, um die Gefahr bei der Abfahrt im Einzelhang zu reduzieren.

Um 10:30 Uhr waren wir dann fertig mit dem Theorieteil und um 10:45 Uhr saßen dann alle umgezogen und abfahrbereit im Kleinbus. An diesem Tag sollte es wieder in das Skigebiet Mellau-Damüls gehen, wo wir dann etwa eine Stunde später ankamen.

An diesem Tag lag nicht besonders viel Schnee und vor allem wenig Neuschnee, weshalb unsere Erwartungen an die Abfahrten abseits der Piste eh nicht besonders gut waren. Allerdings schien die Sonne und wir hofften, dass die Schneedecke zumindest ein bisschen weich werden würde, da das auch relativ viel Spaß bringt.

Am Anfang fuhren wir erstmal einfach hauptsächlich auf der anfangs relativ eisigen Piste um warm zu werden. Danach ging es einfach erst mal auf die Suche nach einer guten Abfahrt abseits der Piste. Diese fanden wir auch relativ bald an einem von der Piste wegführenden Ziehweg, der wahrscheinlich für Wanderer oder Langläufer da war. Um die Abfahrt zu erreichen mussten wir allerdings zuerst noch ein kurzes Stück auf dem Ziehweg hochlaufen, was für die meisten schon relativ anstrengend mit den Skistiefeln und dem ganzen Material (Rucksack mit Sonde und Lawinenschaufel, Ski/Snowboard), das hochgeschleppt werden musste, war. Oben angekommen schätzten dann noch einmal alle die Steilheit des Hangs um einfach ein Gefühl dafür zu bekommen. Unser Plan war es den oberen und auch steileren Teil des Hangs einzeln zu fahren, um die Schneedecke nicht zu sehr zu belasten, und dann gemeinsam zum Lift hinunter zu fahren. Die Schneedecke bei der Abfahrt war ziemlich durchwachsen, im oberen Teil war nämlich noch ein bisschen lockerer Neuschnee zu finden und wo der Wind hereingeblasen hatte war es auch noch ein bisschen eisig, während der Schnee unten schon sehr schwer und sulzig wurde. An sich hat die Abfahrt aber allen Spaß gemacht weshalb wir die Abfahrt an diesem Tag noch ein paar weitere machten. Zwischendurch sind wir auch immer wieder mal ein paar andere Routen gefahren, die Erste war und blieb allerdings die beste.

Um 15:30 Uhr ging es dann wieder nach Hause, alle erschöpft vom langen Tag, aber auf jeden Fall zufrieden.

 Die Berichte der restlichen vier Tage folgen...