Im Interview mit Brigitte König, der Verantwortlichen für die Berufspraktika in dieser Stufe wollten wir über die Hintergründe etwas mehr erfahren.

Frage: Brigitte, jeweils 2 Wochen Berufspraktika in der Stufe Weitergehen, ist das nicht vollkommen ungewöhnlich in Klassen, die einen staatlichen Schulabschluss als Ziel ausgerufen haben? 

Brigitte: Es mag ungewöhnlich sein, ist aber die Handschrift der Freien Schule Lindau. Wir sind absolut überzeugt, dass gerade in der sogenannt 9. Klasse das Erreichen des Qualifizierten Hauptschulabschlusses und in der Abschlussklasse mit dem Ziel des mittleren Schulabschlusses diese jeweils 2-wöchigen Betriebseinsätze eine wertvolle Ergänzung darstellen.

Frage: In welcher Form stellt dies eine Ergänzung dar?

Brigitte: Wir verfolgen hier mehrere Aspekte. Zum einen ist es gerade in der Stufe Weitergehen wichtig, sich nicht überzufokussieren, wenn ich das so ausdrücken darf.  Es kann leicht geschehen, dass das Ziel, einen staatlichen Abschluss erreichen zu wollen alles übrige unwichtig erscheinen lässt. Hier sehen wir als Schule eine wichtige Aufgabe, den Schülern - zeitenweise auch den Eltern - zu vermitteln, dass es neben dem Erreichen dieses Zieles weitere wichtige Bereiche im Leben gibt, geben soll und geben darf. Zum anderen bieten diese 2-wöchigen Erfahrungen einmal mehr die Möglichkeit, einen Berufsalltag konkret mitzuerleben, der Arbeitsalltag wird tatsächlich greifbarer. Letztendlich bietet es den einzelnen Schülern immer wieder die wunderbare und auch notwendige Erfahrung, dass sie neben dem Erlernen von Sachgebieten weitere Talente und Fähigkeiten haben. Wir sehen das Thema "Lernen" konsequenterweise vielfältig bis zum Ende einer Freien Schule Lindau Laufbahn. 

Frage: Wie reagieren denn die Schüler auf dieses Angebot? 

Brigitte: Zugegeben, bei Schulanfang sind nicht alle begeistert von dieser Maßnahme. Es gibt immer wieder Schüler, auch Eltern, die Angst haben, dass diese Zeiten den Schülern als Lernzeit fehlen, dadurch in Stress geraten. Hier müssen wir Pädagogen immer wieder Überzeugungsarbeit leisten. Interessant ist, dass in den meisten Fällen das Fazit nach den Einsätzen positiv ausfällt. Erfreulicherweise bekommen die meisten Schüler positive Rückmeldungen von den Betrieben, was das Selbstbewusstsein enorm stärkt. Dadurch, dass wir den Schülern völlig freie Hand lassen, welche Berufssparten sie kennenlernen wollen, nutzen die meisten diese Chance. So unterstützen wir die Kids darin, groß zu denken, sich ihren Interessen gemäß zu orientieren, was Schüler immer wieder animiert, sich über Grenzen hinweg in anderen Bundesländern, anderen Städten oder vereinzelt gar im Ausland umzusehen. Dort ist das Angebot vielfältiger, interessanter und somit noch einmal impulsgebend für eine zukünftige Ausrichtung.

Frage: Kannst du hier konkrete Beispiele nennen, die uns aufklären, welche kreativen Einsätze zustande kamen?

Brigitte: Ja natürlich. Es gab Schüler, die sich für das Thema Messe interessierten, hier ein Betriebspraktikum in Berlin bei einem Messeausstatter und Messeorganisator erwarben. Wir hatten Kids, die in München beim Bayrischen Rundfunk unterkamen, es war eine Firma in England im Gespräch - was dann aber nicht geklappt hat. In diesen Fällen mussten sich die jeweiligen Schüler zusätzlich um Übernachtungsmöglichkeiten, Hin- und Rückfahrt etc. kümmern. Wir hatten auch Schüler, die das Berufspraktikum individuell auslegten und ein Schulpraktikum in weiterführenden Schulen machten. Ganz nebenbei kommt auf einer ganz anderen Ebene eine positive Seite zum Vorschein, bekommen tatsächlich immer wieder Praktikanten und Praktikantinnen ein Angebot für einen Neben- oder Ferienjob, was in diesem Alter ebenfalls sehr begehrt ist.

Frage: Es entsteht der Eindruck während unserem Gespräch, dass die Schüler komplett selbstständig und eigenverantwortlich in der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz vorgehen. Stimmt das?

Brigitte: Ja, genau das ist das zentrale Anliegen. Die Schüler sollen gezielt ihren eigenen Bedürfnissen gemäß den geeigneten praktischen Einsatz finden. Das beinhaltet ein sich selber einschätzen, und danach das Erstellen eines persönlichen Bewerbungsschreibens, eventuelle Telefonate und das persönliche Vorstellungsgespräch. Wir haben mittlerweile eine interne Praktikumsdatei mit Bewertungsangaben zu den jeweiligen Aufgabenbereichen für Schüler, die Orientierungshilfe benötigen. Durch dieses selbstständige Tun entwickeln die Schüler wichtige Eigenschaften wie Selbsteinschätzung; Eigenverantwortung; Kontinuität und Verlässlichkeit; Flexibilität, wenn nicht gleich alles klappt wie geplant; Offenheit im Umgang mit Autoritäten wie Personalchefs und Mitarbeiter etc.; durch Zusagen erhalten sie Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, die Bestätigung, dass sich ein persönlicher Einsatz lohnt. Alles Eigenschaften, die wesentlich sind für ein erfolgreiches und glückliches Leben. Und, das wünschen wir doch alle unseren Kids.

Frage: Das ist ein wunderbarer Schlusssatz. Vielen Dank, Brigitte, für dieses Gespräch.