Adios, good bye, auf Wiedersehen Karin Buck

 

Es war eine wunderbare Zeit, die wir mit dir erleben durften. Der Zirkus nahm großartige Formen an, wurde zur festen Größe über alle Altersstufen hinweg; gewann neue Höhen durch die Luftakrobatik und bereicherte durch deine vielseitigen, kreativen Präsentationen. 

Zum Abschied ein kleines Portrait - als Würdigung deiner Arbeit und als ein großes Dankeschön ...

 

F: Liebe Karin, wir kennen uns von Anfang der gemeinsamen Schulzeit, hatten viele Berührungspunkte - und ich freue mich, heute mit dir nocheinmal deine Zeit an der Freien Schule Lindau nachzeichnen zu dürfen. Zuallererst die Frage, die sicher einige beschäftigen wird: was ist der Anlass für das Beenden deines Wirkens zum Schuljahresende?

A: Ganz einfach - wir stellen uns als Familie noch einmal einer ganz eigenen Herausforderung, werden unseren Lebensmittelpunkt für 6 - 8 Monate nach Costa Rica verlagern. Die Kids gehen dort auf eine internationale Schule, Bernd und ich werden unsere Aufgaben finden. Land und Leute kennenlernen, eintauchen in eine andere Sprache und Kultur, das war schon immer ein Traum. Wenn nicht jetzt - wann dann?

F: Alle Achtung - das ist ganz schön mutig, diesen Schritt in eine völlige Ungewissheit zu wagen, als Familie. Aber, eine Herausforderung ganz eigener Art könnte man dein ehrenamtliches Engagement im Bereich Zirkus an unserer Schule auch bezeichnen. Wie begann denn alles?

A: Als wir 2006 als Familie an die Schule kamen, war ich durch meine sofortige Tätigkeit im Elternrat schnell vertraut mit diversen internen Schulthemen. So ergab es sich, dass ich bei der damaligen Zirkuspädagogin als Assistentin für 2 Stunden die Woche einstieg. Wir betreuten 20 Kids in der Schule. Übten wechselweise im Foyer und dem späteren Bewegungsraum Bodenakrobatik, Clownerie, einfache Jonglage und Zauberei. Und, wie das eben manchmal so kommt: die Zirkuspädagogin ging und ich blieb. 

F: Im Laufe dieser 10 Jahre stellten wir alle eine unglaubliche Entwicklung fest: es hielten nach und nach immer anspruchsvollere Akrobatik und Geschicklichkeitsstile Einzug, verschiedene Elemente wie das Hockern - bis hin zum Arbeiten mit dem Vertikaltuch. Wie kam diese Fülle und dieser technisch hohe Anspruch letztendlich zustande?

A: In mir entwickelte sich immer stärker das Bedürfnis, vielfältiger im Angebot werden zu wollen. Die Kids wurden größer, die Gruppen wurden stärker und es gab mehr Zirkusunterricht - z. T. vormittags und nachmittags. Um die Schüler nachhaltig an Zirkus zu interessieren, mussten wir mehr anbieten. Durch die entstandene Begeisterung waren sie bereit, an Grenzen zu gehen - weiter zu üben, weiter drann zu bleiben, auch wenn die eigen gesteckten Erfolge nicht immer sofort eintraten. Meine Beobachtung ist, dass die meisten Kids gerne gefordert sein möchten. Sie möchten etwas erreichen, das zuvor noch nicht möglich war, das sie sich zuvor nicht einmal zugetraut hatten. Es ging nie darum, eine bestimmte Leistung erfüllen zu müssen -  sondern um das Erreichen eines ganz individuell gesteckten Ziels. Das alles innerhalb eines geschützten Rahmens mit zu unterstützen war eine große Erfüllung.

F: War das der Grund, dass du selber eine Ausbildung zur Luftakrobatin mit Vertikaltuch gemacht hast?

A: Im Grunde ja: Durch den Wunsch, anspruchsvollere Übungen und Übungsgeräte einzuführen wuchs auch mein Anspruch, die Technik wirklich sauber und gewissenhaft vermitteln zu können. Durch das selber Tun, Lernen, auch Scheitern entwickelte einen Bezug zu dem Gerät mit all seinen Tücken aber auch Schönheiten. 

Letztendlich war ich auch stolz auf mich selber, dass ich in meinem Alter diesen Ausbildungsteil durchgezogen habe, denn meine Kollegen waren oft deutlich jünger. 

Wenn ich so sehe, welche Talente wir in der Schule haben, was daraus erwächst - dann wird mir ganz warm ums Herz.

F: Was waren denn deine oder eure größten Herausforderungen in den letzten Jahren? 

A: Hmmm... die Sponsorensuche, wenn wir neue Materialien kaufen wollten war anspruchsvoll. Oft habe ich dann die Materialien gekauft und erst mal der Schule zur Verfügung gestellt. Mit der Zeit konnte ich gute Verbindungen zu anderen Zirkuspädagogen knüpfen, dadurch konnten wir  Geräte untereinander ausleihen. Was wirklich anstrengend war, viel Zeit und Einsatz kostete war die Phase, als wir die ganzen Zirkusgeräte von der Schule in die Hallen transportieren mussten, weil wir dort noch keinen festen Lagerplatz bekamen. Allein jedesmal das Vertikaltuch an der Hallendecke zu befestigen mit einer 5 m hohen Leiter, gehalten von den Kids - das war schon ein kleines Abenteuer. Aber, wir haben es immer gemeistert - zusammen.

Vom Fazit kann ich sagen, dass eine gute Zirkusarbeit Platz erfordert, geeignete Geräte, eine angemessene Gruppengröße und - ganz wichtig, neben der Begeisterung der Kids auch Achtung vom Team und den Eltern. Das hat sich im Laufe der Jahre wirklich gut entwickelt - und die gemeinsame Übungszeit war meist erfüllend für alle.

F: Was, liebe Karin, würdest du uns als Schulgemeinschaft mit auf den Weg geben wollen? Auf was sollten wir deiner Meinung nach achten, was weiterführen oder weiterentwickeln?

A: Was mir wirklich am Herzen liegt ist noch einmal auf die Bedeutung von Bewegung hinzuweisen. Speziell im Zirkus wird der ganze Körper, das Körperbewusstsein auf spielerische Weise geschult. Die Leistungsanforderungen sind gezielt und einfach auf die einzelnen Kids anzupassen, was in klassischen Sportarten wie Volleyball, Geräteturnen, Bänder etc. nicht so ohne weiteres umsetzbar ist. Man lernt aber so viel mehr - die Kids lernen jedem Alter gemäß ihre eigenen Vorlieben z. T. neu kennen, ihre Fähigkeiten aber auch Schwächen, ohne Druck. Ganz wichtig sind meiner Erfahrung nach die Auftritte:  über die persönlichen Fertigkeiten hinaus wird die Teamfähigkeit vertieft:  sich gemeinsam auf einen Ablauf einigen, auf Kostüme, Geschichten entwickeln, das Einbauen und Anerkennen der jeweiligen Leistungen sind nur einige Beispiele.  Sie überwinden sich nicht nur in der technischen Fertigkeit - sie überwinden sich, indem sie sich präsentieren. Diejenigen, die gerne auf der Bühne stehen genauso wie diejenigen, die lieber Aufgaben hinter der Bühne übernehmen: Aufbau und Abbau, Bühnenbilder und Requisiten herstellen, Musik, Schminken etc. Der Applaus ist die Anerkennung des gemeinsamen Erfolgs. Ganz ehrlich: an was erinnert man sich später im Leben, wenn es um das Thema Lernen und Erfahrungen geht: an Mathe, Deutsch, Englisch? Wohl eher selten.

F: Karin, zum guten Schluss bedanke ich mich herzlich für dieses Gespräch, wünsche euch ein gutes Ankommen in der neuen Umgebung und auf jeden Fall ein freudiges und gesundes Wiedersehen irgendwann im Winter. Magst du noch letzte Worte an uns richten?

A: Im Grunde möchte ich mich bedanken bei der FSL, dass ich über das Ehrenamt die Möglichkeit hatte, neue Fähigkeiten zu entdecken. Das Vertrauen vom Team, von den Eltern, vor allem von den Kids hat mich sehr gestärkt. Wir haben ein tolles Theater- und Zirkusteam mit Francesca, Ute, Susi, Birgit und Dorrit.

Ute, Francesca und Robin trainieren selber fleißig am Vertikaltuch, gute Voraussetzung, dass das weitergeführt wird. Ich sag auch danke - ich hab so viel zurückbekommen und jetzt freu ich mich auf den neuen Abschnitt in meinem Leben. Ciao und Adios Freie Schule Lindau

(das Gespräch führte Elke Walser)