Berufsorientierung an der Freien Schule Lindau

Interview mit Anja Kicinski, tätig in der Stufe Vertiefen

 

Die Freie Schule Lindau bietet Betriebspraktika ab einem Alter von 13 Jahren an. Warum bereits so früh?

Die Schule legt großen Wert auf einen möglichst vielseitigen Blick in die Berufslandschaft, um frühzeitig bestmöglichste Orientierung zu vermitteln. Unser pädagogisches Handeln zielt auch hier auf praktische Erfahrungen ab - nicht nur über Berufsbilder sprechen, hören oder lesen sondern sich selbst in der tatsächlichen Umsetzung erleben ist unser Ansatz.

 

 

 

Wie darf man sich denn das Verfahren vorstellen? Wieviele Praktikumseinsätze erlebt ein Freie Schule-Schüler im Laufe seiner 10-jährigen Schullaufbahn?

In unserer Schule sprechen wir von Stufen, hier also von der Stufe Vertiefen, in der die Berufsorientierung beginnt. Die Stufe Vertiefen ist mit dem Jahrgang 7 und 8 und 9 vermischt, also Kids im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. Die 13-jährigen starten mit einem Schnupperpraktikum von 2 Tagen, um sich mit der Struktur eines Arbeitsalltages vertraut zu machen.
Es gibt jedoch an dieser Stelle schon Jugendliche, die sich ein einwöchiges Praktikum zutrauen. Auch das kann jederzeit umgesetzt werden. Im weiteren Verlauf dieses 7. Schuljahres gibt es für alle einen weiteren einwöchigen Praktikumseinsatz. Jeder Durchgang in Jahrgang 8 und 9 bietet die Möglichkeit von weiteren 2 Wochen Praktikum pro Schuljahr, entweder am Stück oder aufgeteilt auf zwei Einzelwochen. Selbst in den Prüfungsjahrgängen werden die Schüler für eine Woche Praktikum freigestellt, denn gerade hier macht berufliche Orientierung absolut Sinn. 
Insgesamt kann ein Schüler der FSL regulär 7 - 8 verschiedene Praktikumsorte in entsprechender Praktikumszeit kennenlernen.

 

Sind die Praktikumszeiten festgelegt oder sucht sich jeder Schüler nach Belieben den Zeitpunkt aus?

Auch in der FSL gibt es Struktur und so sind die Praktikumszeiträume in jedem Schuljahr festgelegt. Wir legen hier auch den Abgabetermin für die Praktikumsbenennung und die Abgabe der Praktikumsvereinbarungen fest, damit die Schüler früh genug mit der Suche nach geeigneten Plätzen beginnen können.
Wie aber bereits erwähnt sind wir durch unseren individuellen pädagogischen Ansatz immer bemüht, den jeweiligen Wünschen flexibel nachzukommen. So gibt es Praktikumsstellen, die ihrerseits festgelegte Einsatzzeiten haben. Es gibt Schüler, die länger im Praktikum arbeiten wollen als dafür vorgesehen.  Dies wird im Einzelfall immer mit dem Schüler, seinem Mentor sowie den Eltern besprochen.

 

 

Sie sagten, dass die Schüler mit der Suche nach Praktikumsplätzen frühzeitig beginnen? Wie genau verläuft dieser Prozess an der Schule, wie wird er begleitet?

Es ist uns ein Anliegen, dass die Schüler ihren Betriebseinsatz selbstständig suchen, damit sie gemäß ihren Interessen und Fähigkeiten frei wählen können. In einem schulinternen Bewerbungsverfahren  gibt es gezielte Informationen über das Verfassen eines Lebenslaufes, eines Bewerbungsanschreibens, die Schüler lernen sich telefonisch wie auch persönlich zu bewerben. Während des Praktikums müssen die Schüler einen  Praktikumsbericht schreiben, ebenso erhält der Praktikant vom jeweiligen Betrieb eine schriftliche Rückmeldung. Alle Dokumente werden bis zum Ende der FSL-Zeit gesammelt: zuerst in einem sogenannten Qualipass, und ab Jahrgangsstufe 8 mündet dies in den an allen bayerischen Schulen geforderten Berufswahlpass. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich Betriebe, bei denen sich unsere Absolventen um eine Ausbildung bemühen besonders dafür interessieren.

 

Wie ist die Rückmeldung der Schüler in Bezug auf Praktikumseinsätze?

- Im Grunde durchweg positiv. Im Alter von 13 Jahren beginnen manche Schüler die Schule an sich zu hinterfragen, die Sinnhaftigkeit von Lernen. Durch die praktischen Einsätze konnten wir oft feststellen, dass die Motivation wieder anstieg. Manche konnten regelrecht aufgefangen werden durch das praktische Tun. Andere reagieren nach dem Ausschlussverfahren - jetzt weiß ich wenigstens, für was ich nicht geeignet bin, was mir keinen Spaß macht, was ich so im Alltag nicht erwartet hätte.
 Durch die Möglichkeit, im Praktischen festzustellen, wo die eigenen Grenzen aber auch Bedürfnisse und Fähigkeiten liegen, werden die weiteren Praktikumseinsätze oft viel gezielter, reflektierter ausgesucht.
Nicht selten kommen Schüler mit Ausbildungsangeboten oder auch Ferienjobangeboten zurück, was eine schöne Bestätigung ihres Einsatzes ist.

 

 

 

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Praktikumsorten?

Das ist wirklich erfreulich, denn unsere Schüler werden weitgehenst gelobt für ihre Einsatzbereitschaft, für ihr Interesse und ihre Neugierde. Dabei werden vor allem die Selbstständigkeit und das Selbstbewusstsein unserer Schüler erwähnt. Das freut uns vor allem, ist das doch ein wesentlicher pädagogischer Ansatz der Freien Schule Lindau.

 

Sie sind demnach überzeugt von Ihrem Konzept der Berufsorientierung?

Absolut. Wir beschäftigen uns immer wieder mit einem weiteren Ausbau dieses Bereiches, z. B. in Richtung Betriebseinbindung und -pflege. Hier gibt es schöne Ansätze, die in nächster Zeit sicher ihre Umsetzung finden werden.
Ein wichtiger Aspekt der Freien Schule Pädagogik ist , fächerübergreifend zu lehren und zu lernen. Dieser Ansatz wird auch durch die Praktikumseinsätze erfolgreich umgesetzt, bieten diese die Möglichkeit, schulisch Gelerntes und praktisch Erforderliches auf verschiedenste Weise zu verknüpfen. Selbstverständlich spinnen wird den Faden schulintern weiter, indem Praktikumsberichte z. B. durchaus in englischer Sprache verlangt werden können. Gemäß unserem Motto: In Vielfalt wachsen.